Stilkunde


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Das Interview

Ein Interview ist ein Dialog, bei dem die Rollen von Fragendem und Befragtem für die Dauer des Gesprächs eindeutig zuzuordnen sind. Das Interview verfolgt stets eine bestimmte Zielsetzung, von der es abhängig ist, ob die Fragen eher auf einen konkreten Sachverhalt oder die Persönlichkeit des Befragten abzielen, ob sie sachlich formuliert werden oder auch Provokationen enthalten. Interviews können dazu dienen, eine interessante Person zu portraitieren, einen Experten zu einer Stellungnahme zu einem bestimmten Sachverhalt zu veranlassen oder auch ein Streitgespräch zu einer kontroversen bzw. brisanten Fragestellung zu führen. Der Vorteil für den Leser besteht dabei darin, dass er den Gesprächsverlauf unmittelbar mitverfolgen kann und erfährt, wie der Befragte auf bestimmte Fragen reagiert hat, wie die einzelnen Aussagen zustande gekommen sind.

Gesprächsthema, -partner und Gesprächsziel wiederum sollten einen Einfluss auf die verwendeten Fragetechniken haben.  Grundsätzlich kann dabei zwischen offenen und geschlossenen Fragen unterschieden werden. Geschlossene Fragen zielen dabei sehr konkret auf ein bestimmtes Faktum ab und können oft nur mit Ja oder Nein beantwortet werden. Zwar kann es erwünscht sein, dem Gesprächspartner eine kurze und klare Antwort  abzuringen, dabei besteht aber die Gefahr, dass wesentliche Aspekte in der Antwort unberücksichtigt bleiben oder der Befragte auszuweichen versucht, weil er sich nicht festlegen möchte. Hinzu kommt, dass der Gesprächsfluss durch eine übermäßige Verwendung der geschlossenen Frageform gehemmt wird oder gar nicht erst zustande kommt.  Offene Fragen dagegen ermöglichen es dem Interviewpartner, eine Vielzahl verschiedener Aspekte darzustellen und seinen persönlichen Standpunkt differenziert auszuführen. Dies kann es jedoch notwendig machen, in den Redefluss des Befragten einzugreifen und das Gespräch wieder in die gewünschte Richtung zu lenken.
Überdies lassen sich die Fragetypen auch nach ihrer Intention unterscheiden:
So wird die Motivationsfrage häufig zum Einstieg in ein Interview benutzt. Sie wird auch als „Eisbrecherfrage“ oder „warming up“ bezeichnet, da Sie den Kontakt zwischen dem Interviewer und der befragten Person herstellt. Der Gesprächspartner wird bei der Motivationsfrage gelobt, ermuntert, gleichwohl soll das eigentliche Thema bereits umrissen und auch das Interesse des Lesers geweckt werden.
Bei der Suggestivfrage wird die Reaktion des Gesprächspartners getestet, indem ihm die Antwortrichtung bereits vorgegeben wird. Dies kann allerdings dazu führen, dass sich der Befragte in die Enge gedrängt fühlt und die Antwort nicht seiner tatsächlichen Haltung entspricht.
Die provozierende Frage beinhaltet eine Tatsachenbehauptung, die den Befragten gleichzeitig mit einer früheren Handlung oder Äußerung konfrontiert. Die daraus hervorgehende Unterstellung unterzieht ihn einem Rechtfertigungsdruck, bei dem allerdings die Gefahr besteht, dass er ihm mit Polemik begegnet.
Die indirekte Frage verschleiert den eigentlichen Fragegegenstand mit dem Ziel, dem Befragten Informationen zu entlocken, die er sonst nicht preisgeben würde. Da sich niemand gerne manipulieren lässt, kann dieser Fragetyp allerdings auch zur Verärgerung des Interviewpartners führen...
Die verstehende Frage interpretiert die vorangegangenen Ausführungen des Befragten und will diesem helfen, seine Auffassung klarer hervortreten zu lassen.
Die beschwichtigende Frage kann dazu dienen, die Schärfe aus einem Streitthema zu nehmen und dem Befragten das Gefühl zu geben, verstanden und akzeptiert zu werden. Dies kann ihn dazu bringen, Schwächen einzugestehen.
Die Kontrollfrage hat die Funktion, sicherzustellen, dass der Interviewer die Ausführungen des Befragten richtig verstanden hat.
Einschätzungsfragen wollen die Meinung des Interviewpartners ausloten, ohne dabei manipulativ einzugreifen.
Faktenorientiertes Fragen zielt darauf ab, Daten und Informationen zu Sachverhalten zu erlangen. Die eigene Meinung des  Befragten spielt hier keine große Rolle, so dass eine Aneinanderreihung solcher Fragen für den Leser schnell ermüdend sein kann.
Die rhetorische Frage liefert die Antwort zur Frage gleich mit und bietet wenig Neues, sie kann aber dazu dienen, mit dem Befragten auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen oder Sachverhalte, die beiden Gesprächsbeteiligten klar sind, deutlicher herauszustellen.

Die Anordnung der verschiedenen Fragetypen obliegt der Strategie des Interviewers und kann sich mitunter auch aus dem Verlauf des Gesprächs ergeben. Angemerkt werden sollte noch, dass sich Fragen nicht immer eindeutig den dargestellten Typen zuordnen lassen, sondern mitunter auch verschiedene Elemente enthalten können.


 
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